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Verband für Politische Bildung in Schule, Hochschule, Jugendarbeit und Erwachsenenbildung    (gegr. 1965)


Europa bewegt sich – „Learning and Living Democracy“


Am 13. und 14. Dezember fand in Sofia/Bulgarien die Auftaktkonferenz für das „Year of Citizenship through Education“ statt, zu dem der Europarat das Jahr 2005 unter dem Motto „Learning and Living Democracy“ erklärt hat. Es war zugleich die Abschlussveranstaltung für die seit 1997 laufenden Bemühungen des Europarates, ein europäisch abgestimmtes Konzept „Education for Democratic Citizenship 2001-2004“ zu entwickeln. Das Jahr 2005 soll nun zum Jahr der vielfältigen Umsetzungsstrategien in den 46 Mitgliedsländern des Europarates werden. In Sofia waren 158 Experten aus 45 Mitgliedsländern des Europarates anwesend, vertreten durch 14 Minister bzw. Ministerialvertreter, 12 Nicht-Regierungsorganisationen und verschiedenen Wissenschaftsrepräsentanten. Deutschland wurde vertreten durch die KMK-Koordinatorin für die Europarats-Initiative, Frau Reinhild Otte, Kultusministerium Baden-Württemberg und die Herren Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, Gerhard Himmelmann, Technische Universität Braunschweig und Alexander Leicht von der Deutschen UNESCO-Kommission.
Das Motto dieser Jahresproklamation läuft parallel zu einem entsprechenden Programm des „Demokratie-Lernens“ des Landes Baden Württemberg sowie zu dem Ansatz des BLK-Programms „Demokratie lernen & leben“ bzw. dem Förderprogramm „Demokratisch handeln“, weiteren Ansätzen des Demokratie-Lernens in der Bundesrepublik und – vor allem – zu einschlägigen Ansätzen von „Democracy Teaching, Learning and Living“ bzw. „Citizenship Education“ im englischen Sprachraum. Eine besondere Note erhält die Initiative des Europarates durch die zahlreichen vorangegangenen Ministerratsbeschlüsse zum Thema „Education for Democratic Citizenship and Human Rights Education (EDC/HRE)“. Seit dem Jahre 2000 liegen zahlreiche Vorarbeiten von Experten aus ganz Europa zum Thema EDC vor. Das Europaratsprojekt ist verknüpft mit dem weltweiten Programm „Human Rights Education, 2004-2007“ der Vereinten Nationen. Parallele Aktionen zum „Year“ sind von der EU, der UNESCO, von UNICEF, der OECD und EAEA sowie von CIDREE und vom British Council geplant bzw. in Vorbereitung. In Deutschland wird die Bundeszentrale für politische Bildung besondere „Aktionstage Politische Bildung“ zum Thema des „Year“ veranstalten – ähnlich wie die Servicestelle Politische Bildung in Österreich. Es ist für die Zukunft sogar geplant, ein „European-Center for Citizenship Education“ aufzubauen. Alle Netzwerkmitglieder der deutschen Koordinationsgruppe in den Bundesländern sind aufgerufen, an der Umsetzung des EDC-Programms mitzuwirken.
Während der Auftaktveranstaltung in Sofia wurde ein „Concept Paper“ sowie ein „Final Communique and Action Plan“ für das Jahr 2005 verabschiedet. Als Maßnahmenbündel zur Förderung des Anliegens des Europarates wurde 1. ein umfangreiches EDC-Informationspaket erarbeitet, das verschiedene Tools enthält: Tool 1: Key Issues for EDC Policies, Tool 2: Democratic Governance in Education, Tool 3: Teacher Training for EDC and HRE, Tool 4: Quality Assurance and Self-Evaluation in EDC. Diese Papiere wenden sich vor allem an die entsprechenden Regierungsinstanzen, die das EDC-Projekt unterstützen sollen. Die recht ergiebigen, zur Zeit aber noch nicht ganz vollständigen Papiere zu den 4 Tools werden ergänzt 2. durch ein ebenfalls umfangreiches Handbuch („COMPASS“) zur „Human Rights Education“ mit konkretem Unterrichtsmaterial (Stundenkonzepte für die Schulen), erstellt vom Jugenddirektorat des Europarates. All’ dies wird in Kürze ergänzt 3. durch T-KITS (Lehr-/Lern-Bausteine) zu den Themen: Interkulturelles Lernen, Lehr-/Lernstrategien, Bürgerschaft-Jugend-Europa sowie soziale Inklusion. Den Abschluss bildet 4. die „European Charter for Democratic Schools without Violence“, verabschiedet im Juni 2004 von Delegierten auf 120 Schulen aus 19 europäischen Ländern. Diese Charta soll im Jahre 2005 von ca. 30.000 Schülerinnen und Schüler aus allen Ländern Europas adoptiert werden.
Das EDC-Konzept hat eine enorme ad-hoc-Plausiblität, schließt fachliches Lernen ein, greift vor allem demokratie-pädagogische Schulentwicklungsansätze auf und fordert bildungspolitische und curriculare Neuerungen. Hier vollzieht sich mit hoher Dynamik ein „Epochenwandel“ hin zu einer europäisch geprägten demokratischen politischen Bildung. Bemerkenswert ist zugleich, dass sich die Arbeiten des Europarates nicht an bestimmten Theorien, Autoren oder nationalen Konzepten orientieren, sondern von den Grundlagen der Europaratsidee und von entsprechenden Beschlüssen des Ministerrats ausgehen, die seit 1997 Zug um Zug zu einem europäischen Konzept von EDC entwickelt und ausgearbeitet wurden. Ein Konzept, das sich durchaus konkurrenzfähig zu den Ansätzen von „CIVITAS“ und „Nationalstandards“ des Centers of Civic Education in Calabasas/USA erweisen könnte. Das EDC-Programm ist mit vorgestellten Kompetenzen betont „output-orientiert“ und legt keinen Stoffplan vor. Der Europarat hat inzwischen eine besondere „Website on EDC/HRE“ eingerichtet, auf der alle einschlägigen Texte zum Thema aufgefunden werden können.
Entsprechend dem Motto der Auftaktveranstaltung in Sofia „Democracy Learning and Living“ wurde von deutscher Seite neben der differenzierten föderalen Struktur der politischen Bildung in Deutschland in den Workshops vor allem das einschlägige BLK-Programm „Demokratie lernen & leben“ als „passender“ deutscher Beitrag zum „Year“ vorgestellt – ebenso andere Ansätze eines fächerspezifischen bzw. fächerübergreifenden Demokratie-Lernens in Deutschland.
Die Aufgabe, die sich nun für die deutsche politische Bildung stellt, liegt 1. darin, die europäische Perspektive von EDC mit dem Motto „Democracy Learning and Living“ verstärkt aufzunehmen, sich damit intensiv auseinander zu setzen und sich möglichst noch in den laufenden Diskussionsprozess einzuschalten, so schwierig dies ist. Die Umsetzung und Weiterentwicklung des EDC-Projekts bedarf der Unterstützung vieler. Hier können die deutsche politische Bildung und die Demokratiepädagogik viel Nutzen ziehen und zugleich neue Innovationskraft gewinnen.
Eine zweite Aufgabe stellt sich – pädagogisch-didaktisch gesprochen – in der „Zugänglichkeit“ der wichtigen Texte für die deutschen Curriculum-Entwickler in den 16 Bundesländern, für die traditionelle Politik-Didaktik, für Lehrerfortbildner und schließlich – am wichtigsten – für die Lehrkräfte selbst. Es geht um die Überwindung der Sprachbarriere. Obwohl kürzlich auf einer Abteilungsleiterbesprechung in der Bundeszentrale argumentiert wurde, dass englische Texte inzwischen – als notwendiges Rüstzeug – auch für den deutschen Leser und Nutzerkreis „zumutbar“ seien und auch in Deutschland auf Englisch verbreitet werden sollen, bleiben jedoch erhebliche Zweifel, ob das so ist und ausreicht. Bisher ist nur der EDC-Text von Karlheinz Dürr et. al. „Strategies for Learning Democratic Citizenship” unter dem Titel „Demokratie-Lernen” im Jahr 2001 vom Kultusministerium Baden-Württemberg ins Deutsche übersetzt worden. Dieser Text wird inzwischen auch vom österreichischen Bildungsministerium vertrieben. Für Österreich ist das „Glossary of Terms for Education for Democratic Citizenship – Developing a Shared Understanding” von Karen O’Shea (2003) als “Glossar zur demokratischen Bildung” auf Deutsch erschienen (2004). Für eine deutsche Übersetzung des o. g. „COMPASS“ wird der Europarat selbst Sorge tragen. Noch offen ist also, wer in Deutschland die übrigen – sehr wichtigen – programmatischen Grundlagentexte zum EDC-Programm aus dem Jahre 2000 ff. und die ebenso wichtigen Texte zu den Tools 1-4 übersetzen wird.
Hier ist, so meine ich, neben dem sehr bemühten Kultusministerium in Baden-Württemberg vor allem die Bundeszentrale für politische Bildung gefragt, um die deutsche Variante von politischer Bildung breitenwirksam in eine Position der internationalen Anschlussfähigkeit zu bringen. Die Aufgabenstellung „Europa“ und „Europäisierung“, die der Bundeszentrale inzwischen zugewachsen ist, müsste diesen Beitrag eigentlich abdecken können. Aber die Herstellung von internationaler Anschlussfähigkeit sollte nicht nur in der Übersetzung der in Englisch und Französisch erschienen Texte des Europarats umfassen, sondern auch für die Aufgabe gelten, einschlägige deutsche Beiträge zur europäischen EDC-Diskussion zu übersetzen und in einem Sammelband zu präsentieren, um deutsche Diskussionsbeiträge international bekannt zu machen.

Prof. Dr. G. Himmelmann


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